berliner runde

Ortstermin an der Spree. Klaus-­Peter Bruns trifft sich in der Hauptstadt auf einen Kaffee mit BVR-Präsidentin Marija Kolak und Wolfgang Baecker, dem Vorstandsvorsitzenden der VR-Bank Westmünsterland eG. Es geht um den Umbruch in der Bankenwelt und die Herausforderungen der digitalen Transformation.

ran an die ölquelle!

Die Daten ihrer Kunden gehören zu den größten Schätzen, die die Banken bei sich hüten. Mit der Gründung des Smart Data Labs hat die Fiducia & GAD einen wichtigen Meilenstein gesetzt, damit diese Schätze sich in Zukunft besser heben lassen.

Noch vor wenigen Jahren drehte sich alles um die Frage, wie Unternehmen der wachsenden Flut von Daten Herr werden könnten. Die Antwort lag in immer leistungsfähigeren Rechnern. Inzwischen hat sich der Blickwinkel verändert: Es geht darum, mithilfe algorithmischer Verfahren die Informationen aus dieser Flut herauszufiltern, die eine intelligente Bewertung von Daten ermöglichen. Zum Beispiel, um das Verhalten von Kunden vorherzusagen und ihnen personalisierte Angebote zu machen. Aus dem quantitativen Ansatz von Big Data ist der qualitative Ansatz von Smart Data geworden. „Daten“, sagt Stephan Weigel, „sind der Treibstoff im Zeitalter der Digitalisierung.“

Weigel, 52, leitet im Produktmanagement der Fiducia & GAD das Vertriebs- und Datenmanagement. Der Bankberater, betont er, sei heutzutage mehr denn je auf qualifizierte Impulse für sein Geschäft angewiesen. „Dazu muss er wissen, welche Potenziale sich bei seinen Kunden noch verbergen.“ Ohne 360-Grad-Sicht gehe das nicht. „Banken benötigen so viele relevante Informationen über ihre Kunden wie möglich, die nach klaren Kriterien gefiltert und analysiert werden können.“ Smart Data, so Weigels Credo, werde so zum „Motor des Vertriebs“.

Um diesen Motor in Gang zu bringen, hat die Fiducia & GAD Mitte 2017 in Karlsruhe das Smart Data Lab ins Leben gerufen – als Plattform für die gesamte Genossenschaftsgruppe. Das Ziel: „Wir evaluieren innovative Themen aus der Welt von Smart Data. Aus den Ergebnissen entstehen dann in agree21 neue Standardleistungen für den Markt“, erklärt Weigel, der das Lab gemeinsam mit Gerd Müller, dem Innovationschef der Fiducia & GAD, verantwortet.

Stephan Weigel

Stephan Weigel, 52, ist Diplom-Betriebswirt (BA) und begann 1985 als Bankberater bei der VR Bank Rhein-Neckar eG. 1989 wechselte er als Anwendungsberater zur Fiducia. Heute leitet er bei der Fiducia & GAD im Produktmanagement das Vertriebs- und Datenmanagement.

Stephan Weigel+
Stephan Weigel

Stephan Weigel

Stephan Weigel, 52, ist Diplom-Betriebswirt (BA) und begann 1985 als Bankberater bei der VR Bank Rhein-Neckar eG. 1989 wechselte er als Anwendungsberater zur Fiducia. Heute leitet er bei der Fiducia & GAD im Produktmanagement das Vertriebs- und Datenmanagement.

„Wir evaluieren innovative Themen aus der Welt von Smart Data. Aus den Ergebnissen entstehen dann in agree21 neue Standardleistungen für den Markt.“

Stephan Weigel

Zu dem crossfunktionalen Team gehören Mitarbeiter aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Fiducia & GAD. Zusammen mit Experten aus dem Verbund sowie den Volksbanken und Raiffeisenbanken entwickeln sie Anwendungsszenarien und testen sie anhand von Use Cases an Kunden, die hierzu ihre Einwilligung gegeben haben. Voraussetzung ist dabei, dass die Banken dem Smart Data Lab grundlegende Informationen zu folgenden Fragen liefern:

  • Wer ist der Kunde? Hierzu gehören unter anderem soziodemografische Angaben.
  • Welche Produkte und Leistungen nutzt er bereits?
  • Warum nutzt er sie – welche Bedürfnisse und Wünsche hängen damit zusammen?
  • Wie interagiert er mit seiner Bank, über welche Kanäle, zu welchen Themen?

Mit diesen Daten gefüttert, ergänzt das Lab die passenden Tools und Datensets aus agree21Analysen um algorithmische Prognoseverfahren. So untersuchten die Karlsruher beispielsweise das voraussichtliche Verhalten von Verbrauchern mit hohem Geldeingang auf dem Konto, testeten, wie empfänglich bestimmte unschlüssige Kunden für Empfehlungen zur Altersvorsorge sind und überprüften die Treffsicherheit bei der Prognose, ob jemand in den nächsten 18 Monaten eine Immobilie kaufen möchte. Die Erfolgsquote ist verblüffend (siehe Grafik anbei). „Kunden­daten“, resümiert Stephan Weigel, „kombiniert mit agree21: Das ist unsere Ölquelle.“

erfolgskurve

Wie Banken von Smart-Data-Analysen profitieren.

Anzahl der Abschlüsse

+ 75 %

Höhe der jährlichen Sparrate

+ 69 %

Höhe des Anlagevolumens

+ 48 %

Höhe der Abschlussquote

+ 39 %

Anzahl der Beratungen

+ 26 %

Quelle: Smart Data Lab der Fiducia & GAD

digitale plattformen – neue Impulse

Bei der Fiducia & GAD sind die „Schnellboote“ gestartet. Unter diesem Arbeitstitel firmieren drei agile Teams, die als interne Start-ups innovative Ideen und Geschäftsmodelle vorantreiben sollen.

Interne Start-ups? Bernhard von Canstein, 51, Leiter Innovationsmanagement bei der Fiducia & GAD, erklärt, was es damit auf sich hat. „Es handelt sich hierbei nicht um ausgelagerte Firmen, sondern um Teams, die sich aus Mitarbeitern unterschiedlicher Bereiche zusammensetzen.“ Die Aufgabe: crossfunktional und ohne Hierarchien Ideen für die Zukunft entwickeln – auf gleicher Augenhöhe, ohne Erfolgszwang und ergebnisoffen.

Von Canstein: „Wir haben uns für dieses Modell entschieden, weil wir uns davon eine engere Rückkopplung des Start-up-Spirits ins Unternehmen versprechen.“ Allen drei Teams gemeinsam ist die agile Methodik. Der Projektverlauf ist dabei in sogenannte Sprints unterteilt – Etappen von vier Wochen, an deren Ende Zwischenergebnisse stehen, die als Basis für den jeweils nächsten Sprint dienen. Das Ergebnis der Projektarbeit sind Prototypen, die als sogenannte Minimal Viable Products von potenziellen Anwendern getestet und bewertet werden.

In Münster dreht sich alles um die Frage: Welche Potenziale hat die Genossenschaftsgruppe für neue Geschäftsmodelle bei den Banken? Die Antwort: digitale Plattformen. „Es geht darum“, erklärt der sogenannte Product Owner Torge Ruge, 36, „Impulse für neue Ansätze zu schaffen.“ Das neunköpfige Projektteam plant dabei in drei Schritten.

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Schritt 1

Zunächst wurden und werden Informationen und Ideen gesammelt und ausgewertet, um den Begriff „digitale Plattform“ klar zu definieren.

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Schritt 2

Der zweite Schritt befasst sich mit dem Funktionsprinzip der Plattform. Über einen zentralen Log-in, beispielsweise den Account bei der Volksbank oder Raiffeisenbank, kann der Nutzer direkt auf Produkte und Services regionaler Anbieter oder anderer Verbundpartner zugreifen und sofort bezahlen. Eine eigene Anmeldung bei jedem einzelnen Dienstleister entfällt somit.

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Schritt 3

Im letzten Schritt arbeitet das Team an mehreren Prototypen, die als Features einer digitalen Plattform gedacht sind. Eines davon befasst sich mit dem Versand und dem Bezahlen von Rechnungen. Die Idee: Der Dienstleister erstellt an seinem Computer eine Rechnung und verschickt sie mit einem speziellen Druckertreiber der Fiducia & GAD. Von dort geht sie elektronisch mit einem speziellen Druckertreiber der Fiducia & GAD an den Empfänger – je nach Präferenz per E-Mail, WhatsApp oder SMS. In der Rechnung ist ein Link enthalten, über den der Kunde den fälligen Betrag ohne Medienbruch online zahlen kann.

Aber auch weitere attraktive Mehrwerte sind für die Zukunft nicht ausgeschlossen, so etwa Factoring und Treuhandservices für Handwerker, Finanzierungen oder Käuferschutzprogramme für Endkunden.

kiu –
der chat-bot

In Aschheim bei München sitzen die Macher von kiu. Nicht zufällig hat das neunköpfige Team den Chatbot nach „Q“ benannt, dem genialen Tüftler aus den James-Bond-Filmen. „Die Sache ist eigentlich ganz einfach“, erklärt Elvis Ilić, 42, der in seinem Team die Rolle des Product Owners einnimmt. „Banking muss einfach sein und Spaß machen.“ Das Ziel: Eine multibankfähige App.

Per Sprach- oder Texteingabe gewährt der digitale Assistent dem Nutzer Zugriff auf seine Bankkonten, zeigt ihm Kontostände und Umsätze, meldet sich, wenn wichtige Zahlungen eingegangen sind oder gibt Auskunft darüber, wieviel er beispielsweise bei Amazon bestellt hat. Wie Botto nutzt auch kiu künstliche Intelligenz, um die natürliche Sprache, die der Nutzer verwendet, zu verstehen.

Um zu testen, wie nutzerfreundlich kiu arbeitet, haben die Aschheimer inzwischen mit branchenfremden Nutzern mehrere Usability-Tests anhand definierte Fälle durchgeführt.

Botto –
der virtuelle Assistent

Mehr als 700.000 Anfragen der Volksbanken und Raiffeisenbanken erhält der Kundenservice der Fiducia & GAD pro Jahr. Um diese schneller und noch qualifizierter bearbeiten zu können, entwickelt ein achtköpfiges Team in Karlsruhe den Botto. Product Owner Götz Weber, 52: „Etwa ein Drittel der Kundenanfragen soll der Bot bis 2020 beantworten.“

Botto basiert auf der Cloud-Computing-Plattform von Microsoft und nutzt künstliche Intelligenz, unter anderem zum Verstehen natürlicher Sprache. Damit der Bot weiß, was der Bankmitarbeiter mit seiner Suchanfrage meint, bedurfte es detaillierter Vorarbeit. So galt es, in Interviews mit Kundenservice und Banken herauszufinden, was die typischen Fragestellungen eines Bankers sind. Die nötigen Quellen für die Suchmaschine lieferte das VR-InfoForum. Hier zog das Projektteam alle Dokumente heran, die besonders häufig von den Banken nachgefragt werden, und stattete sie mit Filterkriterien aus. Später wird dieser Prozess automatisiert.

Ab August wird der Botto schrittweise ins Ticketsystem des Kundenservice eingebunden. Später soll eine Sprachsteuerung hinzukommen und die Anwendung nach und nach für mobile Geräte optimiert werden.

„denken wie start-ups“

Gerd Müller

Gerd Müller, 55, sammelte in Anwenderunternehmen in verschiedenen Branchen und in einem großen deutschen Softwarehaus Erfahrungen als Entwickler, Projektleiter und Manager. 1997 wechselte er dann in die genossenschaftliche Organisation und startete als Leiter einer Abteilung für die Entwicklung von Standardkomponenten bei der Rechenzentrale Bayerischer Genossenschaften, die sich 2003 mit der Fiducia zusammenschloss. Bei der Fiducia & GAD leitet er den Bereich Architektur und Innovation.

Gerd Müller+
Gerd Müller

Gerd Müller

Gerd Müller, 55, sammelte in Anwenderunternehmen in verschiedenen Branchen und in einem großen deutschen Softwarehaus Erfahrungen als Entwickler, Projektleiter und Manager. 1997 wechselte er dann in die genossenschaftliche Organisation und startete als Leiter einer Abteilung für die Entwicklung von Standardkomponenten bei der Rechenzentrale Bayerischer Genossenschaften, die sich 2003 mit der Fiducia zusammenschloss. Bei der Fiducia & GAD leitet er den Bereich Architektur und Innovation.

Gerd Müller, 55, gehört bei der Fiducia & GAD zu den Initiatoren der drei Schnellboote. Wir wollten von ihm wissen, welche Wünsche und Erwartungen mit diesen innovativen Projekten verbunden sind.

Herr Müller, wie ist bei Ihnen die Idee zu den Schnellbooten entstanden?

In der ersten Phase nach dem Zusammenschluss zur Fiducia & GAD bestand unsere Innovationsarbeit zunächst aus kleinen Experimenten. In dieser Phase entwickelten Mitarbeiter neben ihren regulären Tätigkeiten gemeinsam Prototypen, die wir dann mit Kunden erprobt haben. Das war eine gute Basis. Aber wir wollten mehr – nämlich Lösungen schaffen, die unsere Kunden begeistern.

Das heißt, sie wollten einen größeren Rahmen herstellen?

Richtig. Wir brauchten mehr Power beim Thema Innovation. Unser Ziel war, die Denk- und Handlungsweise von Start-ups ins Unternehmen zu tragen.

Wie arbeiten die Teams in den Projekten?

Strikt nach der agilen Methode. Das heißt, es gibt den Product Owner, den Scrum Master und die zeitliche Einteilung der Projektschritte in Etappen von zwei bis vier Wochen, die sogenannten Sprints. Wir als Führungskräfte mischen uns dabei in keiner Weise ein, sondern lassen unsere Leute einfach laufen und eigenverantwortlich handeln. Wir sehen uns hier nicht als Chefs, sondern als Mentoren und Unterstützer.

Ein solches Arbeiten ist aber nicht jedem in die Wiege gelegt …

Sicher nicht, deshalb haben wir ein sogenanntes Intrapreneurship-Programm aufgesetzt, bei dem alle Beteiligten in agilem Arbeiten trainiert wurden und auch weiter gecoacht werden. Sie lernen dabei die Methodik, vor allem aber, welche Haltung Voraussetzung für diese Art und Weise des Arbeitens ist.

Und zwar?

Na ja, da gibt es bestimmte Mottos, die einem die nötige Denkweise plastisch vermitteln. Zum Beispiel, dass man lieber um Entschuldigung bitten sollte, als um Erlaubnis zu fragen. Da geht es also um Fehlerkultur und Verantwortung für das eigene Handeln. Mir persönlich gefällt dieser Satz sehr gut: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben – soll heißen, ohne Risikobereitschaft geht es nicht.

Wie setzen sich die Schnellboote zusammen?

Wir hatten die Mitarbeit in den Schnellbooten im Intranet ausgeschrieben und fanden Interessenten aus allen Bereichen des Unternehmens. Viele stammen aus dem Kundenservice und der Entwicklung, aber wir haben auch Produktmanager oder Menschen aus dem Vertrieb dabei. Hinzu kommen externe Teilnehmer, etwa von unseren Kooperationspartnern Cisco und Atos – beides  langjährige IT-Lieferanten der Fiducia & GAD – oder auch von der GLS-Bank.

Warum auch Externe?

Zum einen verhindern wir dadurch, dass unsere Mitarbeiter bei aller Kreativität immer noch die Unternehmensbrille aufsetzen. Zum anderen bringen die Teamkollegen, die von außen kommen, zusätzliches unternehmerisches Knowhow mit. Die wissen, wie man Ideen zu Geld macht. Das ist zwar nicht die primäre Zielsetzung der Schnellboote, aber trotzdem auch ein wichtiger Aspekt.

Das heißt, die Schnellboote sollen nicht nur den Wandel nach innen befördern, sondern auch eine Außenwirkung erzielen?

Unbedingt! Sie sollen nachhaltige Ergebnisse hinterlassen, mit denen das Unternehmen weiterarbeiten kann. Dazu gehört, dass wir die Prototypen, die aus den Schnellbooten hervorgehen, nicht nur validieren – das ist ja ohnehin Bestandteil agilen Arbeitens –, sondern auch bei echten Anwendern erproben. Das heißt, wir wollen die Modelle gezielt in der Praxis testen und bei Erfolg zur Marktreife bringen.

„Wir machen bei unserem Anspruch keine Kompromisse: Wir sind das Fintech der FinanzGruppe. Wir suchen kreativ und mit Weitblick nach neuen Lösungen und Geschäftsmodellen, um gemeinsam mit den Banken im Wettbewerb die Nase vorn zu haben.“